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Margit Petersen schaltete den Fernseher aus. Ihr war nicht nach Talkshows, der neuesten Commedyserie, auch nicht nach der fünften Staffel irgendeiner Telenovela oder pickelhäutigen Superstars und schon gar nicht nach der zwanzigsten Wiederholung von „Der Tod auf der Hallig“. Ihre Arbeit bei der Kripo bescherte ihr zwar genug Tote aber sie liebte Krimis. Nur Wiederholungen konnte Margit nicht leiden. Ein gut durchdachtes Verbrechen und eine kluge Ermittlung fand ihre Hochachtung, egal ob Fiktion oder im wirklichen Leben. Die meisten ihrer Fälle waren leider so phantasielos wie eine Käsestulle. Sie musste sich Alibis wie aus einem drittklassigen Krimi anhören und selbst die Tat folgte meist einem schnell zu durchschauenden Muster, Wiederholungen eben.
Sie schlang ihren goldenen Kimono um sich und holte sich eine Bionade. Wenn sie Bereitschaft hatte, trank sie keinen Alkohol, grundsätzlich nicht. Sie klappte ihren Laptop auf und während er sirrend hochlud, massierte sie ihre schmerzenden Füße. Sie war den ganzen Tag auf den Beinen gewesen, hatte den ganzen Samstag an der Küste verbracht und eine Wanderung über den Deich von Neuharlingersiel bis Bensersiel gemacht, immerhin gut 20 Kilometer. Sie dankte innerlich dem Erfinder des Mobiltelefons, dass es ihr ermöglichte, während des Bereitschaftsdienstes ihrem liebsten Hobby nachzugehen. Wann hatte sie ihr Handy während des Dienstes am Wochenende mal gebraucht? Ja, richtig, vor drei Wochen hatten in Carolinensiel ein paar Jugendliche eine Tankstelle überfallen, am Samstagnachmittag, mitten im Sommer. Massen an Touristen waren unterwegs. Als eine Familie in die Tankstelle kam, wurden die Jungs nervös. Der Älteste löste die Gaspistole aus und traf auf kurze Entfernung den Tankwart, leider so, dass er umfiel wie ein gelegter Mast. Die vier flohen in Richtung Bensersiel, wurden aber bis auf den Anführer noch vor dem Ortsausgangsschild geschnappt. Der große dunkelhaarige Schütze, den der Tankwart zwar genau beschreiben konnte, weil er ihm direkt gegenüberstand, blieb unbekannt. Die anderen drei Jungen behaupteten, er hätte sie angeheuert, um ein paar Brüche zu machen, ein ungelöster Fall.
Die Icons erschienen auf dem Desktop, sie öffnete die Seite ihres Providers und loggte sich ein. „Ich denk ja schon wie mein Computer,“ registrierte sie, dann ging ihre Aufmerksamkeit zu Helmut, ihrem Ex, der mit ihrer gemeinsamen Tochter Lilian vor drei Jahren nach Schweden gezogen war. Sie wollte nicht auf irgendeiner Schäre ihrem Mann beim Dichten zusehen und Fische ausnehmen. Der Abschied von Lilian war sehr schwer, sie war 12, eine Frage der Zeit, wann sie ihre eigenen Wege gehen würde.
„Hi Helmut. Herzlichen Glückwunsch, wir sind seit heute geschieden. Ich hatte heute die Bestätigung im Kasten. Geht’s dir gut? Lilian rufe ich gleich noch an. Küß sie von mir. Gruß Margit“ Senden. „Sie haben ihre Mail erfolgreich versandt.“ Immer dieser lockere Ton. Manchmal ging sie sich selbst auf die Nerven. Gerade jetzt vermisste sie die beiden sehr. Sie prostete einem imaginären Helmut mit der Bionadeflasche zu: „Ich liebe dich, du Spinner.“ Die Schicksalsmelodie ließ sie aufschrecken, der Klingelton ihres Handys, wenn das Kommissariat anrief.